Es gibt zwei Arten, sich einem Weihnachtsmarkt zu nähern. Die eine ist die Liste, zwanzig Ziele, absteigend sortiert, alle irgendwie zauberhaft. Die andere ist die Frage, was einen Markt eigentlich von den zweitausend anderen unterscheidet, die im Advent in Europa öffnen.
Meistens ist es genau ein Detail. Eine Figur, die es nur dort gibt. Eine Höhle statt eines Platzes. Ein Datum aus dem 15. Jahrhundert. Oder schlicht die Tatsache, dass ein Markt noch geöffnet hat, wenn die deutschen längst abgebaut sind.
Weihnachtsmärkte Europa: die ältesten
Der Dresdner Striezelmarkt geht auf das Jahr 1434 zurück, als Kurfürst Friedrich II. und Herzog Sigismund der Stadt einen Markt am Tage vor dem Heiligen Christabend erlaubten, auf dem heutigen Altmarkt. Die Tourismus Marketing Gesellschaft Sachsen führt ihn als Deutschlands ältesten Weihnachtsmarkt; der Eintritt ist frei.
Der Name stammt vom Gebäck. Für 1471 ist überliefert, dass der Rat den Armen und Kranken ein Weißbrot zu Weihnachten reichte, einen Christstrüzel. Aus dem Striezel wurde der Stollen, und aus dem Stollen ein eigenes Fest am zweiten Adventswochenende. Wer nach der Figur sucht, die auf keinem Dresdner Foto fehlt, sollte nach dem Pflaumentoffel Ausschau halten, er geht auf einen Holzschnitt Ludwig Richters von 1853 zurück, der Kinder beim Verkauf von Feuerrüpeln zeigt. Eine Händlerliste von 1704 nennt sechs Töpfer, acht Pfefferküchler und drei Goldarbeiter und belegt damit, dass der Markt von Anfang an ein Handwerkermarkt war. Um 1800 zählte er neben Nürnberg, Berlin und Frankfurt zu den bedeutendsten Festmärkten Deutschlands. Sachsen hat davon bis heute viel behalten; einen Eindruck vom Umland gibt die Übersicht zur Region.
In Nürnberg musste die Stadt kürzlich ihre eigene Geschichte korrigieren. Lange galt eine bemalte Spanschachtel im Germanischen Nationalmuseum als Beleg für das Jahr 1628. Der Abgleich mit den Lebensdaten einer auf der Schachtel genannten Person hat gezeigt, dass die Inschrift aus dem Jahr 1678 stammt, der Christkindlesmarkt feiert damit 2028 sein 350-jähriges Bestehen und nicht sein 400-jähriges. Wer die ältere Jahreszahl irgendwo liest, liest eine überholte Angabe (sie hält sich hartnäckig, weil sie jahrzehntelang auf allen Prospekten stand).
Der Nürnberger Rhythmus ist dafür unverändert. Das Christkind eröffnet den Markt in jedem Jahr am Freitag vor dem ersten Advent, geschlossen wird am Heiligen Abend. Die Stadt beschreibt das Ganze als „Städtlein aus Holz und Tuch“ mit bis zu 180 Buden unter rot-weißen Stoffdächern. Der Prolog, den das Christkind spricht, geht auf den Dramaturgen Friedrich Bröger zurück und wird seit 1948 vorgetragen, mehrfach überarbeitet. Eine Liste von 1737 nennt 140 zugelassene Verkäufer, praktisch das gesamte Nürnberger Handwerk. Zum Markt gehören fest die Kinderweihnacht mit historischen Fahrgeschäften und der Markt der Partnerstädte.
Straßburg schließlich führt seinen Christkindelsmärik auf das Jahr 1570 zurück. Vorläufer war ein mittelalterlicher Nikolausmarkt um den 6. Dezember, der nach der Reformation verboten wurde, weil diese die Heiligenverehrung untersagte. Aus dem Nikolausmarkt wurde ein Markt zum Christkind. Seit 1871 hat er seinen Platz auf der Place Broglie, seit 1992 vermarktet sich die Stadt als Hauptstadt der Weihnacht, und seit 2000 steht der Grand Sapin auf der Place Kléber. Verteilt sind die Stände auf acht Standorte in der Innenstadt, deren Kulisse als Grande-Île und Neustadt seit 1988 auf der Welterbeliste der UNESCO steht.
REISEBÜRO.DE EXPERTEN-TIPP:
In der Ravennaschlucht funktioniert der Besuch nur mit vorab gebuchtem Zeitfenster-Ticket, eine Parkplatzgarantie gibt es nicht. Für Nürnberg empfiehlt die Stadt an den Adventswochenenden ausdrücklich die beschilderten Park-and-Ride-Plätze. Wer beides ignoriert, verbringt den Nachmittag im Auto.
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Zur SucheWeihnachtsmärkte an ungewöhnlichen Orten
Manche Märkte verdanken ihren Ruf nicht dem Alter, sondern dem Platz, an dem sie stattfinden.
Im niederländischen Valkenburg liegen zwei davon unter der Erde. Der Markt in der Gemeentegrot wird von der Stadt als Europas größter unterirdischer Weihnachtsmarkt beschrieben, ein Labyrinth aus beleuchteten Mergelgängen. Der zweite, in der Fluweelengrot, liegt tief unter der Burgruine, und an den jahrhundertealten Wänden hängen Kohlezeichnungen. Beide sind eintrittspflichtig, wobei der Tarif zwischen Wochentagen und Wochenende gestaffelt ist, und beide starten außergewöhnlich früh (Mitte November) und laufen bis zum 30. Dezember. Am 25. Dezember bleibt geschlossen.
Im Schwarzwald steht der Markt in der Ravennaschlucht unter dem vierzig Meter hohen Viadukt der Höllentalbahn. Er öffnet nur donnerstags bis sonntags, der Besuch ist ausschließlich mit vorab gebuchtem Zeitfenster-Ticket möglich, und Kinder bis fünfzehn Jahre zahlen keinen Eintritt. Eine Parkplatzgarantie gibt es nicht; die Veranstalter setzen auf Shuttlebusse ab den umliegenden Bahnhöfen und empfehlen die öffentliche Anreise ausdrücklich.
Kopenhagen wiederum hat gar keinen klassischen Markt, sondern einen Vergnügungspark, der sich verwandelt. Der Tivoli öffnete am 15. August 1843, seine Weihnachtssaison gibt es aber erst seit 1994, zunächst auf einen kleinen Bereich beschränkt, seit 1997 im ganzen Park, geschmückt mit über 70.000 Ornamenten. Der Zutritt ist ticketpflichtig (was der Vergnügungspark-Herkunft geschuldet ist und nicht der Weihnachtssaison), der Park liegt direkt neben dem Hauptbahnhof. Wer die Stadt ohnehin ansteuert, findet die Grundlagen in der Übersicht zu Kopenhagen.
Die langen: wo im Januar noch Betrieb ist
Deutsche Märkte schließen fast alle am 23. oder 24. Dezember. Wer zwischen den Jahren unterwegs ist, muss deshalb über die Grenze.
Prag verteilt seine Märkte auf Altstädter Ring, Wenzelsplatz, náměstí Republiky, náměstí Míru und die Burg, und lässt sie bis zum Dreikönigstag laufen. Auf dem Altstädter Ring stehen nach Beschreibung der städtischen Tourismusgesellschaft Dutzende Stände mit Glas- und Strohschmuck, Krippen aus Keramik und Holz, dazu Spitzendecken, Glocken, Plätzchenausstecher und Nudelhölzer, dazu ein tägliches Musik- und Folkloreprogramm. Details zur Stadt stehen in der Prag-Übersicht.
Brüssel zieht seine Winter Wonders mit mehr als 200 Chalets über Grand-Place, Place de la Monnaie, Bourse, Sainte-Catherine, Vismarkt und Place de Brouckère und öffnet bis Anfang Januar. Der Eintritt ist frei, geöffnet ist täglich von 12 bis 22 Uhr, am 24. und 31. Dezember nur bis 18 Uhr. Dazu kommen eine Eisbahn mit Curling-Bahnen, ein Riesenrad und eine fünfminütige Video-Mapping-Show auf dem Rathausturm, die abends halbstündlich läuft, an den beiden Feiertagsabenden allerdings nicht.
Wien führt seinen Christkindlmarkt über den Heiligen Abend hinaus bis in die Weihnachtstage, der Markt vor Schönbrunn läuft sogar bis zum 6. Januar. Die Stadt genehmigt und überwacht die Märkte über das Marktamt; gezählt wurden zuletzt vierzehn genehmigte Märkte mit insgesamt 911 Ständen, davon 180 gastronomische. Historisch ist Wien jünger, als viele annehmen, zumindest was den Markt selbst betrifft. Das städtische Geschichtswiki hält ausdrücklich fest, dass es im mittelalterlichen Wien keine solchen Märkte gab; ein Thomasmarkt ist für 1600 belegt, ein Krippenmarkt auf der Freyung mit 108 Ständen für 1722. Seinen Platz vor dem Rathaus hat der Markt erst seit 1975. Was sonst in der Stadt lohnt, steht in der Wien-Übersicht.
Zagreb läuft von Ende November bis Anfang Januar und verteilt sich über Ban-Jelačić-Platz, Zrinjevac, Blumenplatz, Tomićeva-Straße und den König-Tomislav-Platz mit der Eisbahn, die traditionell länger geöffnet bleibt als die Stände. Der Tourismusverband der Stadt verweist darauf, dass Zagreb 2018 zum dritten Mal in Folge von European Best Destinations zum besten europäischen Weihnachtsziel gewählt wurde. Eine Zuschreibung eines Onlineportals, kein amtlicher Titel, aber ein Hinweis darauf, wie schnell die Stadt in dieser Liga angekommen ist.
Handwerk mit UNESCO-Siegel
Kein einziger Weihnachtsmarkt steht als solcher auf einer UNESCO-Liste. Zwei der Traditionen, die man dort kauft, aber schon.
Die Krakauer Krippen wurden 2018 in die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Am ersten Donnerstag im Dezember versammeln sich die Krippenbauer auf dem Hauptmarkt und zeigen ihre Arbeiten; rund vierzig aktive Bauer fertigen jedes Jahr neue Stücke, die das Historische Museum anschließend von Dezember bis Februar ausstellt. Der Markt selbst liegt auf dem Rynek Główny vor Marienkirche und Tuchhallen, der Eintritt ist frei, und die Stände verkaufen unter anderem gegrillten Oscypek-Käse mit Preiselbeeren, galizischen Glühwein und Lebkuchen. Was in Krakau sonst ansteht, ist gesondert beschrieben.
Das Lebkuchenhandwerk aus Nordkroatien, die Licitar-Herzen, steht seit 2010 auf derselben Liste; die UNESCO beschreibt die Lebküchner als unverzichtbare Teilnehmer lokaler Feste. Und die Deutsche UNESCO-Kommission hat 2025 die Vernetzung des erzgebirgischen Kunsthandwerks als Beispiel guter Praxis anerkannt, ausdrücklich unter Nennung von Weihnachtsschmuck, Spielzeug, Schwibbögen und Nussknackern, also genau dem Sortiment sächsischer und thüringischer Stände.
REISEBÜRO.DE EXPERTEN-TIPP:
Der Unterschied zwischen einem vollen und einem leeren Markt ist kein Ort, sondern eine Uhrzeit. Erfurt am Dienstagvormittag, Basel am 22. Dezember, Prag zwischen den Jahren: dieselben Stände, ein anderer Platz zum Stehen.
Kleiner, aber eigen
Vier Ziele lohnen, wenn die großen zu voll werden, zwei Weihnachtsmärkte Deutschland und zwei jenseits der Grenze.
- Erfurt stellt über 200 Holzhäuschen rund um Domplatz, Mariendom und Severikirche auf, dazu eine Krippe mit vierzehn fast lebensgroßen Holzfiguren, eine 25 Meter hohe Tanne und eine zwölf Meter hohe erzgebirgische Pyramide. Der Märchenwald auf der Rathausbrücke stammt von den Künstlern Hannelore Reichenbach und Kurt Buchspieß.
- Rothenburg ob der Tauber eröffnet seinen Reiterlesmarkt am Freitag vor dem ersten Advent mit dem Einritt des Reiterle zu Pferde. 61 Buden verteilen sich auf Marktplatz, Grünen Markt, Kirchplatz und den Lichthof am Rathaus. Am Totensonntag bleibt der Markt geschlossen.
- Lübeck bündelt elf Weihnachtswelten in der Altstadt, darunter einen historischen Markt, einen maritimen und einen Kunsthandwerkermarkt im Heiligen-Geist-Hospital, der deutlich kürzer läuft als die übrigen. Der Traditionelle Weihnachtsmarkt auf dem Rathausmarkt wurde bereits 1648 urkundlich erwähnt.
- Montreux begann 1995 mit achtzig Chalets und zehn Tagen, heute stehen mehr als 150 an den Quais des Genfersees. Seit 2010 schwebt der Flying Santa über die Stadt, seit 2004 steht sein Haus auf den Rochers-de-Naye. Der Markt liegt zweihundert Meter vom Bahnhof entfernt, und die Bahn bietet ein Kombiticket mit halbem Fahrpreis.
Colmar verteilt seine Märkte auf sechs Plätze mit zusammen rund 180 Ständen, darunter einen Kindermarkt in Petite Venise und einen Gourmet-Markt mit neun von Köchen geführten Hütten. Sechs Wochen lang, so die Veranstalter, werde die ganze Altstadt zu einem einzigen vielgestaltigen Markt, wobei der eigentliche Reiz weniger in den Ständen liege als in der beleuchteten Kulisse.
Basel schließlich betreibt seinen Markt kantonal, organisiert von der Abteilung Messen und Märkte im Präsidialdepartement. Rund 150 Stände stehen auf Barfüsserplatz und Münsterplatz, geöffnet ist in der Regel täglich von 11 bis 20.30 Uhr, geschlossen wird am 23. Dezember. Der Baum auf dem Münsterplatz trägt Schmuck aus der Werkstatt Johann Wanners.
Und die großen Städte?
Berlin, München, Köln und Hamburg kamen bisher bewusst nur am Rand vor, und das hat einen Grund. Der Weihnachtsmarkt Berlin ist keine Veranstaltung, sondern ein gutes Dutzend davon, zwischen Gendarmenmarkt, Spandauer Altstadt, Charlottenburger Schloss und einer wachsenden Zahl kleinerer Höfe. Wer dorthin fährt, entscheidet sich nicht für einen Markt, sondern für eine Stadt mit Markt, ein anderes Format als Rothenburg mit seinen einundsechzig Buden.
Dasselbe gilt für die Frage nach dem schönsten Weihnachtsmarkt Deutschlands. Sie lässt sich nicht beantworten. Die Kandidaten tun zu verschiedene Dinge.
Dresden liefert Geschichte und ein Gebäck mit eigenem Fest, Nürnberg ein Ritual. Erfurt hat die Kulisse aus Dom und Severikirche, Lübeck eine Altstadt unter Welterbeschutz. Wer eine Rangliste sucht, findet Ranglisten. Wer einen passenden Markt sucht, geht besser nach dem Detail.
Ein Geheimtipp ist unter den hier genannten Märkten ohnehin keiner mehr. Ein Weihnachtsmarkt mit sechshundert Jahren Geschichte lässt sich schwer als Entdeckung verkaufen. Was es dagegen gibt, sind unterschätzte Zeitpunkte. Ein Dienstagvormittag in Erfurt, der letzte Tag vor Heiligabend in Basel, die Woche zwischen den Jahren in Prag. Der Ort bleibt derselbe, die Erfahrung nicht.
Wann die Weihnachtsmärkte in Europa öffnen
Wer nicht jedes Jahr neu recherchieren will, merkt sich drei Muster. In Deutschland und im Elsass beginnt die Saison am Wochenende vor dem ersten Advent, Nürnberg und Rothenburg eröffnen am Freitag davor, Dresden am Mittwoch. Geschlossen wird am 23. oder 24. Dezember, mit den bekannten Ausnahmen im Norden. Und südlich beziehungsweise östlich davon verschiebt sich das Ende: Wien und Brüssel gehen in den Januar, Prag und Krakau bis zum Dreikönigstag beziehungsweise Neujahr.
Praktisch lohnt sich, was mehrere Städte selbst empfehlen. Nürnberg rät für die Adventswochenenden ausdrücklich dazu, das Auto auf einem der beschilderten Park-and-Ride-Plätze zu lassen und mit öffentlichen Verkehrsmitteln in die Innenstadt zu fahren. In der Ravennaschlucht und in Montreux gilt dasselbe aus Platz- beziehungsweise Entfernungsgründen. Ein Markt am Dienstagabend im Dezember ist zudem ein anderer Ort als derselbe Markt am dritten Adventssamstag.
Und wer schon dabei ist: Zwischen Weihnachtsmarkt und Jahreswechsel liegt in vielen dieser Städte nur eine Woche. Was sich daraus machen lässt, steht in der Übersicht zu Silvester-Reisezielen, den kurzen Städtetrips und den Möglichkeiten rund um Weihnachten. Für 2026 gilt wie in jedem Jahr, dass die genauen Eröffnungstage erst im Spätsommer feststehen, die Muster darüber ändern sich seit Jahrzehnten nicht.
